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14Mar

Fake-News versus Ehrlichkeit

Im Internet begegnen mir immer öfter Fake-News. Viele davon halte ich für offensichtlich, andere sind echt schwer zu durchschauen. Aber was mir immer wieder auffällt sind Aussagen, die eigentlich gar nicht mal “gelogen” sind, aber in denen so geschickt Meinung und Fakten vermischt werden, dass sie ein falsches Bild suggerieren.

Und leider kommt dies nicht nur von Seiten der AfD. Es komm von allen Seiten.

Selbst auf Grünen Facebook-Profilen sind Aussagen zu finden, dass für Bildung, faire Renten, und sozialer Wohnungsbau nie genügend Geld da sei während für Bomben, Panzer und Kriegsschiffe auf einmal Geld im Überfluss da sei. Wenn man allerdings weiß, dass der Bundeshaushalt 90 Mrd der Rentenkasse zuschießt, für Bildung etwa 150 Mrd. ausgegeben werden und für Rüstung derzeit 35 Milliarden und jetzt 60 Milliarden gefordert werden, dann sieht man, dass da doch Geld da ist. Vielleicht subjektiv nicht genügend. Auch ich fände zusätzliches Geld in Bildung erheblich effizienter als in Rüstung. Aber ich halte so eine Kommunikation für manipulierend und unehrlich.

Von den Linken durfte ich vor kurzem lesen, dass die Grünen eines Bundeslandes Veräter der Anti-CETA/TTIP-Bewegung wären, weil sie in einem Bundesland eine Enthaltung im Bundesrat anstreben. Alles außer einem Nein sei inakzeptabel. Wenn man jetzt aber weiß, dass eine Enthaltung im Bundesrat wie eine Nein-Stimme zählt und nicht die Grünen, sondern die Landes-Regierung im Bundesrat abstimmt, es also ein Kompromiss ist, der eigentlich von der Anti-CETA-Bewegung gefeiert werden müsste, dann spricht so ein Post entweder von grobem Unwissen der Person (das glaube ich bei der Person nicht), oder bösartigem taktischen Vorgehen (das befürchte ich).

Über die Anti-Grünen-Posts mit “krativen Fakten” von CSU (allen voran Herr Scheuer) und offensichtlichen Lügen-Posts der AfD müssen wir glaube ich gar nicht groß diskutieren. Einerseits eigentlich total inakzeptabel, andererseits empfinde ich es als eine große Ehre, wenn wir von diesen Parteien als so wichtiger “Gegner” gesehen werden, dass man uns so viel Aufmerksamkeit und Unehrlichkeit widmen muss.

Die Frage ist, wie gehen wir damit um. Mein Plädoyer: Ganz ehrliche Kommunikation. Ehrlichkeit ohne Ende. Natürlich braucht man für ein Plakat auch einen markanten Spruch. Natürlich kann man dort nicht differenzieren. Aber es sollte dazu im Wahlprogramm oder in Hintergrundpapieren öffentlich zugänglich (und am Besten auf einer Plakatübersicht auf den Internetseiten des Bundesverbandes verlinkt) eine saubere, ehrliche Analyse geben. Keine komischen Zahlenspielereien. Kein Schönrechnen. Kein vermischen von Meinungen und Fakten.

Ich weiß, in der Werbepsychologie geht man davon aus, dass eine gute Werbung “das Herz” berühren muss. Ich weiß, dass “langwierige” Fakten nicht immer die spannenste Lektüre sind. Aber ich glaube, dass durch eine konsequente Ehrlichkeit eben ein “Markenwert” entsteht, der viel langfristiger das Herz berührt als ein kurzer Aufreger, der durch eine 5-Minuten-Recherce als balb so wild entlarvt werden kann.

Ich weiß, es gibt genug Leute, die sich durch solche Aufreger und Fake-News beeinflussen lassen. Aber sind die unsere Zielgruppe? Ich glaube, unsere Wähler sind kritisch denkende Menschen. Die fühlen sich durch halbdurchdachte Suggestivaussagen auf dünner Faktenbasis doch eher abgeschreckt. Oder nicht?

Daher meine Meinung: Im Kampf gegen Fake-News, lasst uns das Gegenbeispiel sein. Lasst uns umso ehrlicher und transparenter sein.

26Dec

Definitionen für Chemie, Gen, Atom

“Ich will nicht so viel Chemie im Essen.” “Ich will kein Gen-Mais” oder “diese Forschung mit Atomen ist mir suspekt” sind Sätze, auf die oft mit Oberlehrerhaften Sätzen geantwortet wird a la:

“Alles essen besteht aus Chemie”, “Mais ist eine Pflanze, hat damit eine DNA, die wiederum diverse Gene enthält” oder “Alle Masse auf der Erde besteht aus Atomen”.

Wer hat nun Recht? Grundsätzlich beide. Denn das Problem ist, dass mit Chemie, Gen-Food oder Atom-Forschung Sachen gemeint sind, die nur einen Teilaspekt der eigentlichen Wörter einschließen. Rein Formal hat der “Oberlehrer” natürlich recht, aber vom aktuellen Sprachgebrauch sind die oberen Sätze durchaus legitim, insbesondere da es keine passenden Wörter für diese Redewendungen gibt, die es besser ausdrücken.

Aber für die Oberlehrer ein kleiner Versuch, die Bedeutung dahinter etwas genauer zu erklären

Chemie im Essen: Ja, es ist uns allen bewusst, dass unser Essen aus Molekülen besteht, unter anderem ganz vielen C-H-Verbindungen (organische Materialien), die chemisch sind. Uns ist auch bewusst, dass das Kochen der Kartoffel einen chemischen Prozess auslöst, der sogar notwendig ist um die Kartoffel essbar zu machen. Trotzdem gibt es neben diesen chemischen Grundbestandteilen des Essens auch noch weitere Zusatzstoffe, die kaum jemand, wenn man die Speise selber kocht, hinzufügen würde. Diese haben zum Teil zwar nützliche Funktionen, aber zum Teil eben auch Nebenwirkungen oder zumindest den Verdacht auf Nebenwirkungen oder Langzeitschäden, die man vermeiden will. Und diese chemischen Zusatzstoffe, die mit dem eigentlichen Essen, so wie man es selber zubereiten würde, nichts zu tun haben, und die (evtl.) Nebenwirkungen haben, die bezeichnet der Volksmund als “Chemie im Essen”. … Mir ist bewusst, dass selbst diese Definition sehr schwammig ist, aber vielleicht hilft sie dem einen oder anderen zu verstehen, was damit gemeint sein soll. Mir ist auch bewusst, dass die Grenze, wo “normale Zutaten” aufhören und “Chemie” anfängt persönlich ist. Aber für die meisten Leute fängt Chemie irgendwo bei Konservierungsstoffen und Farbstoffen an.

Analoges gilt übrigens für “Chemie in der Kleidung” oder “Chemie in der Wohnung” oder ähnlichen Aussagen.

Gen-Mais: Damit ist Mais gemeint, dessen genetische Struktur in einem Genlabor verändert wurden. Auch hier ist uns bewusst, dass bei jedem Nachfahre die genetische Struktur anders aussieht als bei den Eltern. Aber die Veränderungen im Genlabor beinhalten eben oft auch, dass Gensequenzen ganz anderer Organismen eingepflanzt werden oder das per Shotgun-Methode irgendwo Gensequenzen eingepflanzt werden. Dies beinhaltet gewisse Risiken, die zumeist nicht in Langzeitstudien untersucht werden. Ich persönlich sehe das Risiko beim Verzehr eher als verschwindend gering, das größere Risiko sehe ich in der Natur. Auskreuzungen etc. …

Analoges gilt übrigens für Gen-Soja etc.

Und Atom … bezieht sich auf alles, bei denen Atomkerne gespalten oder fusioniert werden.

Ja, auch diese Definitionen sind noch nicht perfekt, aber bis mir jemand einen besseren Begriff oder eine bessere Definition nennen kann, müssen wir wohl damit leben.

Und auch wenn die Grenzen (gerade bei der Chemie) sehr schwammig sind, so weiß im normalfall doch jeder, was eigentlich gemeint war.

26Oct

Kommunikation per Brief mit Parteifreunden

Irgendwie kommunizieren voll viele der MdBs über Brief. Vor allem wenn sie nicht mehr antreten.

“Folgenden Brief habe ich heute an die Mitglieder meines Kreisverbandes Hildesheim gesandt” Brigitte Pothmer

Oder Lammert laut Zeit: “CDU – Lammert tritt nicht mehr für den Bundestag an Das teilte der CDU-Politiker in einem Brief an seinen Kreisverband Bochum mit.

Irritiert das nur mich?

Da kommen mir diverse Gedanken:

  1. Wieso hat ein MdB die Adressen der Mitglieder? Eigentlich darf nur ein ganz kleiner Teil in die Adressdatenbanken Einblick nehmen.
  2. Kommunizieren die alles per Brief? Ich dachte der Standard wären Mailinglisten?
  3. Das fällt der JETZT ein? Erlangen hat schon seit Sommer ein Kandidaten für das Direktmandat. Wenn man jetzt überlegt, wer kandidieren könnte, finde ich das reichlich knapp. (Bei Lammert ist es schon paar “Tage” her, aber auch relativ spät)
  4. So eine wichtige Entscheidung kann man nicht persönlich mitteilen? Für sowas wäre ich zur nächsten Vorstandssitzung oder Mitgliederversammlung hingefahren.

 

11Jul

Werte in der Politik und Wege zu Kompromissen

“Warum werden DIE noch gewählt? Die agieren doch total unlogisch!” So eine Frage stellt sich jeder, der von “seiner” Partei überzeugt ist über all die anderen Parteien. Wir Grünen fragen uns ganz oft, “Warum wird die FDP noch gewählt, obwohl sie nichts für die Menschen macht, höchstens für Leute die ein Hotel oder eine Zahnarzt-/Anwalts-/…-Praxis besitzen.” “Warum wird die CDU noch gewählt, obwohl die doch nur ein veraltetes Familienmodell besitzen und alles (halbwegs) Gute doch von uns Grünen abgeschaut haben?” u.s.w., ähnliches könnte ich über SPD, Piraten, Linke und wahrscheinlich auch über alle kleinen Parteien schreiben ….. und die anderen über uns Grüne.

Also warum wählt die anderen noch jemand? Warum wählt man überhaupt noch irgendeinen Politiker? Die machen doch alle eh nur Mist? Das scheinen sich immer mehr zu fragen. Daher auch die hohe Nichtwählerquote. Leider.

Aber im Grunde müssen wir uns klar werden, dass in der Politik ganz selten etwas “richtig” oder “falsch” ist, sondern “aus einem speziellen Blickwinkel besser” oder “aus jener Perspektive nicht so gut”. Oder anders ausgedrückt: Sehr subjektiv. Das Beste Beispiel das ich kenne ist Gerechtigkeit. Was ist gerecht. Wenn jemand der viel verdient einen höheren Steuersatz hat? Wenn alle den gleichen Steuersatz haben? Wenn alle das gleiche zahlen müssen und bekommen? Alles ist aus gewissen Perspektiven gerecht. Und aus anderen ungerecht.

Oder etwas anderes: Wenn wir ein Naturschutzgebiet “opfern” und dafür 50 Arbeitsplätze sichern können, ist das gut oder schlecht? Wo sind die Grenzen? Das ist sehr subjektiv. Der eine wird sagen, selbst für 1000 Arbeitsplätze darf man eine Wildblumenwiese nicht opfern, der andere sagt, schon für 5 Arbeitsplätze darf man das Risiko eingehen, dass eine Tierart in der Region endgültig ausstirbt.

Und so ist das eben mit Parteien. Jede Partei hat etwas andere Prioritäten. Und diese Prioritäten sprechen andere Werte an. Wer welche Werte für wie wichtig hält, ist eine sehr persönliche Sache, die durch Erfahrungen & Erziehung geprägt sind. Und die sind oft sehr unterschiedlich. Dem einen mag es total komisch vorkommen, wenn man dem anderen nicht hilft (Sozialgemeinschaft) während der andere denkt, jeder muss sich halt allein durchschlagen (Eigenverantwortung). Der eine denkt, Arbeitsplätze wären wichtiger, der andere priorisiert den Naturschutz. (Und beide finden das jeweils andere “auch wichtig”, aber eben nicht ganz so wichtig.) Das sind 2 Weltvorstellungen, die beide weder richtig oder falsch sind, sie sind einfach unterschiedlich. Wir probieren immer bei den “anderen” logische Fehler zu finden (die es sicherlich bei ALLEN gibt) und unsere eigenen Denkfehler ignorieren wir dafür einfach mal komplett.

Ich habe mich inzwischen mit diesen verschiedenen Wertewelten der verschiedenen Leute angefreundet. Und auch wenn ich einige Werte oder Priorisierungen nicht teile, so kann ich doch einige davon nachvollziehen. Seitdem ich so denke, sehe ich die politischen “Gegner” nicht mehr so sehr als Gegner sondern einfach als Teil der Gesellschaft, deren Ideen oft einen ganz anderen Blickwinkel haben und probiere so viele wie möglich davon einzubeziehen in mögliche Lösungsvorschläge. Natürlich möchte ich meine Werte (die sich in weiten Teilen mit der “grünen Wertewelt” überschneiden) gerne priorisiert sehen, aber oft ist es ja keine entweder-oder-Entscheidung, sondern mit etwas Kreativität kann man beide Wünsche befriedigen. Artenschutz oder Arbeitsplätze? Warum baut man die Arbeitsplätze nicht einfach 500 Meter weiter, wo keine seltene Tierart wohnt, und alle sind zufrieden?

Für diese Win-Win-Situationen ist allerdings eines nötig: Die Leute müssen formulieren, was sie wirklich wollen, nicht, wie ihr aktueller Lösungsvorschlag aussieht. Beispiel: “Wir wollen 500 Arbeitsplätze schaffen” vs.  “Wir bauen ein Bürokomplex auf die Streuobstwiese” …. oder auf der Seite der Naturschützer: “Wir wollen die seltenen Tierarten auf der Wiese schützen” vs. “Der Bürokomplex darf nicht gebaut werden”. Denn neben der Lösung 500 Meter weiter könnte man auch über Arbeitsplätze im Naturschutz/Tourismus nachdenken, man könnte über Umsiedlungen nachdenken, man könnte über …. nachdenken. Das geht alles, wenn die eigentlichen Wünsche auf den Tisch kommen. Und dann kann es richtig Spaß machen, mit den “Gegnern” Politik zu machen. Wenn dann plötzlich eine gemeinsame Lösung gefunden wird, bei der beide Ihre “eigentlichen” Wünsche bekommen, und die Lösungsansätze die man vorher hatte in den Hintergrund treten.

Bei vielen der Initiativen von CDU/CSU/FDP kann ich den Wunsch dahinter gut verstehen, aber die Umsetzung ist leider (meine subjektive Sicht) schlecht, weil mit der konkreten Umsetzung gegen zig meiner (“grünen”) Werte verstoßen wird. Ein Beispiel von vor paar Jahren: das Stop-Schild von #zensursula: Sie hat etwas sehr gutes und richtiges gewollt, nämlich die Kinder schützen, hat aber eine Umsetzung gewählt, die gegen Freiheitswerte in einer unverhältnismäßigen Art verstoßen hat. Das Schlimme daran war aber nicht einmal, dass sie es so vorgeschlagen hat, das schlimme war, dass sie eben NICHT auf die anderen gehört hat. Auch zig Initiativen außerhalb der Parteipolitik, bis hin zu einer Petition, die rekordversächtig viele Zeichnungen hatte, haben sie nicht zum nachdenken bewegt. Am Ende ging es ihr nicht mehr um die Kinder, am Ende ging es ihr um ihre konkrete Idee, die sie durchpeitschen wollte, was sie ja auch fast geschafft hat, der Bundestag hat ihr zugestimmt, aber das Gesetz war so schlecht, dass es trotzdem niemals umgesetzt wurde. Der Gegenvorschlag (Löschen statt sperren) war so gut, weil der einerseits die eigentlichen Wünsche von #zensursula (und allen), nämlich die Kinder zu schützen BESSER umgesetzt hat und andererseits die ganzen Schwachstellen und demokratiefeindlichen Elemente aus dem Gesetz nicht enthält.

Fazit:

  • Politik ist oft nicht richtig oder falsch, sondern von subjektiven Perspektiven, Werten und Prioritäten abhängig.
  • Ziel muss es sein, nicht Lösungsvorschläge durchzupeitschen, sondern die Interessen möglichst aller auf den Tisch zu legen und dann einen gemeinsamen Lösungsvorschlag zu erarbeiten, der möglichst viele Interessen berücksichtigt.
  • Dort wo sich Interessen widersprechen, da muss man dann um die Priorisierung “streiten”, d.h. ausdiskutieren und abstimmen, wenn möglich sollte das aber durch “Win-Win-Lösungsvorschläge” vermieden werden.
  • Meine Wertewelt deckt sich größtenteils mit den Grünen Werten, aber viele der Interessen und Initiativen der anderen Parteien finde ich absolut nachvollziehbar und (im Kern) auch unterstützenswert und würde mich freuen, wenn die Dialogbereitschaft insgesamt in der Politik noch wachsen würde, so dass man noch öfter noch bessere Lösungen gemeinsam finden kann.
30Dec

Betroffenheit bei Promi-Tragödien

Habt ihr auch schon die schreckliche Nachricht gehört? Von dem einen Autofahrer, der einen Unfall hatte? Gestern. … Hier zum nachlesen.

Ach, ihr habt jetzt an den einen Promi gedacht, der einen Skiunfall hatte? Nein, ich wollte explizit darauf hinweisen, dass es Millionen anderer tragischer Schicksale gibt, die Euer Mitgefühl wahrscheinlich viel mehr brauchen, als ein Promi. Der Promi hat eh tausend Fans. Und wenn jetzt alle sagen, dass man wohl etwas Mitgefühl haben darf, dann nehme ich das nicht ernst. Sorry, aber ich halte das für Heuchelei, Mainstream-Gruppenzwang und “Leichenfledderei”. Weil alle drauf anspringen, machen alle mit. Und nennen es Mitgefühl. Aber wie wäre es der kranken Frau aus der Nachbarschaft Mitgefühl zu zeigen . Vielleicht würde der etwas echtes Mitgefühl tatsächlich helfen. Einfach mal für sie den Einkauf mitbringen, wenn man gerade eh einkaufen fährt? Oder einfach mal mit ihr eine halbe Stunde reden, weil sie sonst niemanden hat. Das ist echtes Mitgefühl, das würde ich Euch abnehmen. Aber jetzt auf Facebook rumheulen, wie sehr man mit der Schuhmacher-Familie mitfühlt ist einfach albern. Das Mitgefühl endet bei den allermeisten, wenn dann die nächste “Justin-Biber-Meldung” kommt.

Oder wie wäre es mit etwas Mitgefühl für die Leute, die tatsächlich Leistung für Euch gebracht haben? Wie wäre es beim nächsten Kleider-Kauf darauf zu achten. Die Chemikalien in zig Klamotten lassen zig arme Arbeiter (inklusive Kinderarbeiter) viel zu früh krank werden und sterben. Oder beim nächsten Lebensmittelkauf? Fair-Trade statt billig-Kaffee, den jemand für einen Hungerlohn erschuften musste. u.s.w.

U.a. aufgrund unseres Lebensstils gibt es zig Kinder, die täglich verhungern. Aber so weit geht das Mitgefühl nicht, dass die Gesellschaft ihr Verhalten ändert. Nein, da klicken wir lieber bei einem “Gute Besserung Schumi”-Facebook-Post auf ‘like’ und sind dann stolz auf uns selber, weil wir so mitfühlende sensible Menschen sind. Und alle die das kritisieren sind scheinbar – wenn man den diversen Kommentaren glauben schenken darf –  miese, unsensible Neider.

Sorry, dann bin ich eben ein mieser, unsensibler Neider…. aber ich mach bei dem Hype nicht mit.

24May

Föderalismus

Kann mir mal jemand erklären, wozu der Föderalismus, also insbesondere die Aufspaltung in Bundesländer, gut ist. Zum Beispiel gibt es einen TAZ-Artikel – zu einer tollen Initiative über einen bundesweiten Nichtraucherschutz –  in dem steht:

“Ich halte es nicht für erforderlich, das bundeseinheitlich zu regeln” (Max Stadler)

Jetzt gehe ich in Gedanken gerade die klassischen Politikfelder der Landesregierung durch:

  • Bildung
  • Polizei
  • Gaststätten
  • Ladenöffnungszeiten

mir fällt bei keinem dieser Politikfelder ein, warum das nicht bundesweit geregelt werden kann. Warum braucht man dafür 16 Verwaltungen, in 16 Bundesländer Beamten, Staatssekretäre, Minister und ähnliches, die das regeln? Warum tut man das den Leuten an, dass sie paar Kilometer weiter fahren und mit anderen Regelungen leben müssen?

Wo ist die Länderebene sinnvoll: Beispiel Straßenbau: Für jede “Landstraße” muss eben entschieden werden, ob die jetzt insgesamt sinnvoll ist (Umwelt, Alternativen, Kosten, Nutzen, Lärmschutz, Anwohnerzufriedenheit, ….). Der Hamburger Abgeordnete hat aber keine Ahnung von der Strecke  Regensburg-Erlangen und der Münchner Abgeordnete keine Ahnung von Dresden-Leipzig u.s.w.. Also wenn es um “Einzelfallentscheidungen geht, kann ich es akzeptieren, dass man das auf ein “Landesparlament” zurückgreift. Sobald aber Gesetze “allgemein” sind, sehe ich keinen Sinn darin, dass es in diverse Regelungen gibt, was für Uniformen die Polizei hat, oder dass die Kinder in Bayern und Hamburg was anderes in der Schule lernen und vielleicht sogar unterschiedlich lang zum Abi brauchen. Das sind generelle Entscheidungen, die kann man bundesweit treffen.

Daher bin ich ein ganz großer Fan davon, die Befugnisse der Länder zu streichen und alles, was auch bundesweit entschieden werden könnte, auch dort zu entscheiden. Und die Anzahl der Landesparlamente zu verringern. Stadtstaaten abschaffen, mehrere Bundesländer zu einer Verwaltungseinheit zusammenfassen….

21May

Bezahlen für Online-Inhalte

Flattr ist am kommen und Online-Promis bekommen damit über 1000 Euro im Monat.

Ich benutze hier bewusst kein Flattr oder sonstigen Bezahldienst, weil

  1. Ich will, dass meine politische Arbeit als das wahrgenommen wird, was sie auch ist. Ehrenamtliches Engagement, für das ich KEIN Geld bekomme, sondern das ich betreibe, weil ich etwas verbessern will.
  2. Selbst wenn ich Flattr einbinden würde, würde ich wohl nicht die Unsummen bekommen. Wenn das dann auch noch steuerlich erklärt werden muss, wäre der Verwaltungsaufwand fast so hoch wie die Einnahmen. Lohnt sich für mich also sehr wahrscheinlich nicht.
  3. Datenschutz: Geht doch niemanden an, schon gar kein Unternehmen im Ausland, wer auf welchen politischen Seiten rumsurft. Ich sehe durch die Einbindung externer Anbieter auch ein Datenschutzproblem.
  4. Gebühren: Flattr will 10%, Paypal will 2-4% + 35 Cent …. d.h. wenn ihr 3 € im Monat verflattrn wollt, zahlt ihr fast 25% Gebühren. Das finde ich auch nicht akzeptabel.

Also, wenn jemand meint, dass meine Inhalte gut sind und dafür Geld zahlen will, dann würde ich mich freuen über eine Spende an die Grünen Erlangen, den Sozialtreff Erlangen, die Arche Erlangen oder irgendwas anderes sinnvolles (Auf der rechten Seite stehen ja alle meine sonstigen Aktivitäten). So eine Spende würde mit keinem der obigen Punkte kollidieren, ist allerdings etwas mehr Aufwand, als wenn ihr nur kurz den Button klicken müsst.

Eine besondere Art der Spende bietet die Nerd Nite an. Mit deren Visiten-Karte kann man in vielen Läden Punkte sammeln, die dann direkt für die Nerd Nite (genauer gesagt für mich) gebucht werden und ausschließlich für Nerd Nite Aktivitäten (z.B. Fahrtkosten der Referenten) ausgegeben werden. Also wer keine Rabatt-Karte hat aber ab und zu da einkauft, sollte sich eine Nerd Nite Visitenkarte organisieren. Entweder einfach runterladen oder mich bei Gelgenheit fragen, ich hab fast immer paar dabei.

Auch das kollidiert mit keinem der obigen Punkte, auch nicht mit Datenschutz, da von Euch keinerlei persönliche Daten gespeichert werden, nur von mir, bzw. die Daten Eurer Einkäufe werden dann meiner Person zugeordnet. Also sind eure persönlichen Daten nicht nur geschützt, sondern deren Aktion “Gläserner Mensch” wurde wieder etwas sabotiert. Und ihr müsst keinen Cent zusätzlich ausgeben, die Punkte, auf die ihr bisher verzichtet habt, werden dann eben nur diesem “guten Zweck” gutgeschrieben.

Und wenn jemand nichts spenden will, der liest sich einfach Punkt 1 durch. Das passt vollkommen, ich mach Politik ja nicht des Geldes wegen.

17May

Funkschein im Eigenstudium – SRC-Prüfung ohne Kurs

Mal was ganz unpolitisches…. aber vielleicht hilft es jemandem.

Obwohl ich beim ersten Mal durch die Prüfung durchgefallen bin, würde ich behaupten, dass der SRC-Schein (Funken für Segler) sehr gut im Eigenstudium machbar ist. Mein Durchfallgrund war einfach ein Blackout, ich habe zwei Sachen vermischt, die ich eigentlich konnte.

Nun zum Ablauf der Prüfung:

  1. Funksprüche: Es gibt 27 vordefinierte Funksprüche, die sich im Internet runterladen lassen. z.B.: PA Bremen
    Wer sich die Funksprüche gerne anhören möchte, der findet hier alle gesprochen: Rolf Dreyer
    Von diesen Funksprüchen wurde einer sehr langsam vorgelesen. Auf Englisch. Den musste man mitschreiben und danach ins deutsche übersetzen. Dann bekommt man einen schriftlichen Funkspruch auf deutsch und muss den ins englische übersetzen.
    Das ganze läuft schriftlich ab. Also ich musste hier weder selber buchstabieren (Nato-Alphabet, ALPHA BRAVO usw) noch ein Wort sprechen. Aber man muss natürlich Englisch und das Nato-Alphabet verstehen.
    So wie ich es verstanden habe, kommt es da aber nur auf den Inhalt an. Ob man Hilfe mit “assistance” oder mit “help” übersetzt ist glaube ich egal. Zumindest wurde mir der Unterschied in den Funksprüchen nicht klar.
    Das ganze war nach wenigen Minuten rum und meinem Empfinden nach gar kein Problem.
  2. Theorie Es gibt ca. 260 Fragen, die sich auf 10 Fragebögen a 30 Fragen aufteilen. Die Fragebögen gibt es im Internet. Die Fragen gibt es im Internet (z.B. PA Bremen)- Richtig toll zum lernen fand ich den “Online-Trainer” von Tim Köster und die Fragebögen als MP3 – aber Achtung, inzwischen sind es multiple-Choice-Fragebögen … ich war einer der letzten, die es mit Freitexten machen mussten/durften.
  3. Die Praxis. Da war mir nicht so ganz klar, wie die abläuft. (Aber daran ist es nicht gescheitert).
    Wir wurden zu zweit geprüft, beide von uns sollten eine Funkstelle auf einem Schiff spielen. Max und Moritz … einige die bei einer Segelschule waren, wussten das schon. Aber selbst bei einer google-Suche finde ich dazu nichts. Ist vielleicht eine besonderheit beim PA Nürnberg? Jedenfalls lief das so:

    • (beide) DSC-Gerät einstellen: Position und Uhrzeit
    • Ich hatte Wassereinbruch und musste das Schiff verlassen: DSC – Distress Settings – Abandon the vessel – Distress-Taste (er wollte sie nicht wirklich gedrückt haben, weil sonst auch die Geräte im Nachbarraum zu piepsen anfangen)
    • Anderer musste die DSC-Meldung im Speicher abrufen (allerdings eine alte, weil der Alarm wurde ja nicht ausgelöst)
    • Ich: Mayday-Meldung abgeben. Kanal 16 war schon eingestellt, Squelch-Rad bis zum rauschen drehen, etwas zurückdrehen.
    • Anderer: Meldung bestätigen und weiterleiten
    • Prüfer: Er hat mich aufgenommen, Schiff ist untergegangen, Notverkehr beenden
    • Ich: Vorletzte Zeile durcheinandergebracht…. Blackout … durchgefallen,
    • Rest: ??? Ich musste raus 🙁

    Naja, jedenfalls, wie die einzelnen Funksprüche ablaufen steht auch beim PA Bremen in der ZIP-Datei. Die Nummer 4 empfehle ich zu lernen.
    Zum üben mit dem Umgang mit dem Controller habe ich mir eine Simulation gekauft, die auch LRC-fähig ist (LRC ist das nächsthöhere Funkzeugnis, das hab ich mir zwischendrin mal überlegt.) Jedenfalls gibt es auch gratis-Simulationen. Beim Prüfungsausschuss nachschauen, welche Geräte die nehmen und dann suchen.

    Die Nachprüfung lief dann ähnlich wie die erste, nachdem ich dann den “Pflichtteil” durch hatte, kamen noch paar Fragen zum Verständnis. Was mir in Erinnerung ist: “Wenn jemand während MAYDAY redet, was macht man dann” – “SCHIFFSNAME – SILENCE MAYDAY” – “Während er spricht oder warten” – “Warten, weil simplex-Kanal” …
    Insgesamt also gut schaffbar, NUR, ein Blackout und zwei Funksprüche total vermischen, ist nicht sinnvoll.

Kosten:

  • 78 Euro Prüfungsgebühr
  • 12 Euro anteilige Fahrtkosten der Prüfer und Raummiete
  • 15 Euro Übungsbögen – Hab ich mir von der Erlanger Segelschule aufquatschen lassen aber nie benutzt. Ich würde sie weiterverkaufen.
  • 20 Euro SRC-Buch – Hab ich durchgelesen, war zum Verständnis ganz hilfreich, aber nicht unbedingt zum bestehen der Prüfung sinnvoll. Und so toll geschrieben war es auch nicht.
  • 32 Euro für die Simulations-CD- es gibt auch Downloads für gratis, aber ich hab die nicht so genau angeschaut….
  • 32 Euro (20 Euro Prüfungsgebühr + 12 Euro Fahrtkosten) Nachprüfung

Also etwa 90 Euro für die erste Prüfung (muss man auch beim Kurs zusätzlich zahlen)
Etwa 67 Euro für Material … davon kann man sich 45 Euro sparen (Bögen und Simulation); Buch würde ich schon empfehlen.

30 Euro für die Nachprüfung. (Gebühr + Fahrtkosten der Prüfer)

Aber selbst mit den gesamten Kosten und Nebenkosten und Nachprüfungkosten war das gesamte erheblich günstiger als ein Kurs, der normalerweise über 100 Euro kostet…. (und Material muss man auch in vielen Kursen noch zusätzlich kaufen) … Und ich hab jetzt eine CD mit der Simulationssoftware, die ich an Freunde gerne ausleihe. Ich brauche sie nicht mehr und hab sie deinstalliert, von daher wäre das komplett  legal. Wenn jemand noch Fragen hat, dann einfach melden.

18Mar

Abzocker….

Ich verteidige ja normalerweise die Politikergehälter, da ich unter 10.000 Euro für die TOP-600 im Staat (MdBs bekommen weniger als 10.000 an Diäten) jetzt nicht für so viel halte und sage immer, dass ich 2 andere Dinge wichtiger finde:

  1. Politiker dürfen keine Abhängigkeiten von der Industrie/Lobby/… haben, die auch nur den Anschein einer Beeinflussung haben.
  2. Die Politiker müssen dafür auch was leisten, d.h. ich erwarte von jedem Hauptamtlichen Politiker, dass er sich in sein Amt reinhängt.

Was jetzt aber in letzter Zeit alles zusammenkommt, ist leider echt traurig. Wulff hat 20 Monate mehr oder weniger gute Arbeit geleistet. Sein Statement mit dem “der Islam gehört zu Deutschland” sehe ich als seine größte Leistung während seiner Präsidentschaftszeit. Aber er hat eben nur 20 Monate in dieser Position gearbeitet, dafür jetzt eine Lebenslange Rente in voller Höhe ist moralisch absolut übertreten.

Und dann kommt jetzt gleich noch einiges dazu:

  • Merkel macht Wahlkampf für Sarkozy – der Kanzlerjob ist meiner Meinung nach ein 100%-Job, dabei muss sie Deutschland vertreten. Klar ist sie auch Parteipolitikerin, aber in erster Linie bekommt sie ihr Geld vom Staat als Kanzlerin. Und da hat sie nichts im Wahlkampf von anderen zu suchen.
  • Röttgen will für sich und “seine” NRW-CDU ca. 2 Monate Wahlkampf machen und in der Zeit weiter Minister bleiben. Er ist Umweltminister. Da steht in den nächsten Jahren so viel an. Wie er da einfach mal 2 Monate “Sabbat-Zeit” nehmen will, ohne sein Amt zur Verfügung zu stellen, bei weiterem Bezug der vollen Gelder, das ist mir unverständlich. Aber er hat es ja schon mal so gemacht.
22Feb

Gauck – und die Diskussion über ihn

Inzwischen scheinen die Grünen gespalten. In die Gauck-Fans (die offizielle Seite) und die Gauck-Kritiker (viele von der Basis).

Die Spaltung sieht man in dieser Umfrage, die scheinbar von recht weit oben auf Facebook gestartet wurde und inzwischen über 400 Teilnehmer hat.

Die Mehrheit würde nicht für Gauck stimmen.

Ca. 52% derer, die sich entschieden haben, haben angeklickt, dass sie Gauck NICHT wählen würden.

Kritik an Gauck wird probiert lächerlich zu machen. Z.B. Cem Özdemir vermeldet (bzw. lässt vermelden):

Da hat unser Parteifreund Konstantin von Notz Recht: “Wenn die Ex-SED, Ex-PDS, heutige PdL eine Kampagne der “kalten Herzen” macht, wenn ein Ostdeutscher Bürgerrechtler das höchste Amt im Staate vertreten soll – dann sagt das einfach alles!” Team Cem

Natürlich ist Gauck ein Ostdeutscher Bürgerrechtler, aber die Kritik an einigen von Gaucks Aussagen darauf zu reduzieren, dass er Ostdeutscher ist, ist für mich schon fast unakzeptabel. Das Grundgesetz verbietet eine Bevorzungung/Benachteiligung aufgrund der Herkunft, das ist gut so, daher verstehe ich diese Herkunfts-Gefühlduselei innerhalb der Grünen nicht.  Bürgerrechte ist ein weit gefasster Bereich und Gauck steht sicherlich für den Bereich “Jeder soll das tun können, was er will” – dem kann man ja im Grunde erst mal zustimmen. Aber die Aussagen von Gauck hören sich dann doch immer sehr neo-liberal an. Er macht das ohne Zweifel geschickt. Ganz klare Aussagen kommen nie. Er kritisiert, dass sich die “neuzeitlichen” Montagsdemos eben wieder diesen Namen gegeben haben, obwohl die Montagsdemos im Osten eben für die Freiheit standen. Diese Kritik mag gerechtfertigt sein. Aber Gauck ist ein kluger Mann (unterstell ich ihm einfach mal). Er weiß, dass eine Kritik an sowas auch die Forderungen dahinter lächerlich macht. Er hat den Namen als Schwachstelle identifiziert und greift da auf eine sehr geschickte Art an. Er zieht das Projekt der “neuen” Montagsdemos ins lächerliche. Egal ob er es gesagt hat oder nicht. Daher ist es absolut gerechtfertigt, zumindest an seiner Unterstützung des Sozialstaates zu zweifeln. Wenn die Linke, die sich als ganz klaren Verfechter eines Sozialstaates sehen dies kritisieren, was genau soll das dann über die Linke aussagen. Das verstehe ich nicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Sarrazin-Zitat:

sueddeutsche.de: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?

Joachim Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander – darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.

sueddeutsche.de: Haben Sie sein umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab gelesen?

Gauck: Nein, habe ich nicht. Aber wie ich die Debatte verfolgt habe, gibt es eben einen Teil, wo man sagen muss: Da weist er auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.

sueddeutsche.de: Sarrazins Thesen von erblich weniger intelligenten Kindern bei bestimmten Gruppen.

Gauck: Wenn er das so behauptet, dann würde ich das auch kritisieren. Ich kann nicht einfach zum Parteigänger werden, aber ich würde mir sehr sorgfältig überlegen, ob ich den Typ aus der SPD ausschließe.

Was fällt auf. Überall, wo er Sarrazin lobt, benutzt er den Indikativ. “Er ist mutig”, “Er weist auf ein Problem hin.” gegenüber “Wenn er das so behauptet, dann würde ich das auch kritisieren” …  Ich selber habe das Buch auch nicht gelesen, aber der Tenor von Gauck ist doch klar: Im Grunde hat Sarrazin recht, er weißt auf ein Problem hin … und dann gibt es da noch die paar anderen Passagen, die ich mal mit einem Konjunktiv umschreibe.

Ich hätte es genau umgekehrt formuliert: Die Probleme auf die er hinweist sind nicht neu und die kennen alle Politiker, die sich mit Integration beschäftigen, aber viele seiner Schlussfolgerungen kann ich gar nicht teilen und auch viele seiner pseudowissenschaftlichen Thesen sind, nach allem was ich gelesen habe, auch einfach nur falsch.

Wenn ein Kind auf den Schienen steht, bis der Zug 10 Meter von ihm entfernt ist, ist das dann Mut? – Nein, das ist Dummheit!

Genauso ist es schwachsinnig, Sarrazins Veröffentlichungen als mutig zu bezeichnen. Er hatte eh einen zwiespältigen Ruf seit seinen HartzIV-Vorschlägen (die Gauck gefallen dürften – ups, böse Unterstellung), er hat erkannt, dass viele der Menschen auf die pseudowissenschaftlichen rassistischen Thesen positiv reagieren. Ich behaupte sogar, dass Sarrazin bewusst über das Ziel hinaus geschossen ist, weil er damit das Buch noch mehr in die Diskussion bringt. (Auch Sarrazin halte ich für einen intelligenten Menschen, allerdings mit anderen Werten als ich sie habe).

Daher würde ich ihn NICHT als mutig bezeichnen, schon gar nicht wenn die Frage eingeleitet wird mit dem Satz

Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber.

Wenn der Reporter die Frage so einleitet, hätte ich als erstes gesagt, dass  Sarrazin, egal ob man seine Aktionen jetzt als Mut, Dummheit oder Kalkül bezeichnen will, NICHT lieber ist. Aber Gauck hat das nicht getan.

Ich habe bisher 2 Haupt-Gründe gehört innerhalb der Grünen, die für Gauck sprechen. Bürgerrechtler und Ostdeutscher. Ersteres erkenne ich ihm an, zweiteres ist für mich kein Argument. (Natürlich auch kein Gegenargument). Der Höhepunkt ist diese Mitteilung der Grünen. Voller leerer Schlagworte. Wenn der Name nicht drüber gestanden hätte, hätte es fast auch um Schäuble (na gut, der ist nicht überparteilich), meinen Uniprofessor (egal welchen) oder den Chef vom Handwerksbetrieb nebenan gehen können. Es sind leere Schlagworte. OK, aus Ostdeutschland kommen die alle nicht, aber es gibt sicherlich zig Leute in Ostdeutschland, auf die diese leeren Schlagworte zutreffen.

Seien wir doch mal ehrlich, was erhoffen wir uns von Gauck? Eine Spaltung von schwarz-gelb? Eine Schwächung von Angela Merkel? Er ist eigentlich der perfekte neoliberale FDPler. Deswegen ist es auch verständlich, warum die FDP ihm damals am liebsten und dieses Mal mit aller Kraft zugestimmt hat. Genau das erwarte ich von ihm: Eine neoliberale Politik.

Die ganzen Einzelfälle, in denen er sich uneindeutig bis manipulativ ausgedrückt hat, kann man jetzt diskutieren, die kann man auseinander nehmen und ihm positiv unterstellen, dass er es nicht so gemeint hat. Daher möchte ich ihn eigentlich auch gar nicht für die einzelnen Statements angreifen (die übrigens alle Aalglatt sind und nicht “mit Kante” wie einige seiner Fürsprecher behaupten), sondern für seine Grundhaltung, die ich wie gesagt als neoliberal bezeichnen würde.

Wenn die gleichen Argumente für die FDP gelten würden, müsste unsere Parteispitze die FDP übrigens über alle Maßen loben. Einen homosexuelen Außenminister. Einen Minister+Parteivorsitzenden mit Migrationshintergrund. …. Zum Glück schauen sie wenigstens noch dort auf die Inhalte und lassen sich nicht von den “Äußerlichkeiten” blenden.

Schön zusammengefasst wird die Kritik an Gauck bei der TAZ (und einem TAZ-Kommentar).

Und nun eine Linksammlung mit kurzen Kommentaren:

Es gehen gerade 3 Artikel rum, die grob sagen, die Gauck-Gegner verkürzen, insbesondere die Filterbubble, Cicero,SPON.

Dem wird in diversen Beispielen entgegengehalten, z.B.:

NACHTRAG: Der Artikel ist bisher die umfangreichste Entgegenhaltung und die Aufarbeitung der “Historie”: Kein Grund zur Aufregung: Die Gauck-Debatte in den sozialen Netzwerken

Publikative analysiert: Gauck geht an das Thema Integration mit einer aalglatten Einstellung ran, die der Autor des Artikels offenlegt und die mir gar nicht gefällt.

Till Westermeyer nimmt das o.g. auseinander, so ähnlich sehe ich das auch.

Und noch eine schöne Auseinandersetzung die ins Detail geht.

Heute morgen kam auf B5 ein Beitrag über das neue Buch von Gauck und es wurde durchgehend impliziert (finde gerade keinen inhaltlichen Link, nur das hier müsste es gewesen sein – vielleicht kommt da ja noch was oder jemand findet den Podcast dazu oder so), dass er darin quasi alle Vorwürfe schon ausmerzt, da er zwar für Freiheit und Verantwortung stehe, aber immer im Bezug (der Bezug sollte wohl klarmachen, dass er für “Menschlichkeit” steht), das fand ich etwas einseitig, auf die Kritik selber wurde nicht eingegangen, oder wird Kritik an Gauck gerade kollektiv von den Medien ignoriert und unterdrückt, wie z.B. durch die angebliche Löschung einer negativen Umfrage.

Den Höhepunkt finde ich aber die “offiziellen” Grünen (hier die Fraktion, aber der BuVo ist auch nicht weit davon entfernt). In schönen Worten erklären sie, warum sie Gauck toll finden. Da fallen dann so Absätze wie

Joachim Gauck wird kein Bundespräsident sein, der den Menschen nach dem Munde redet. Auch uns nicht. Er wird unbequem und streitbar sein – auch wir Grünen sind nicht immer mit allen seinen Gedanken, Meinungen und Positionen einverstanden. Aber darauf kommt es auch nicht an. Es kommt darauf an, dass Joachim Gauck demokratische Werte vermittelt und vorlebt. Es kommt darauf an, dass man Joachim Gauck glaubt was er sagt, selbst wenn man nicht seiner Meinung ist. Joachim Gauck wird glaubwürdig und offen zu Debatten über die grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen einladen, diese Debatten anstiften und führen.

Sorry, wenn jemand das Land in die falsche Richtung schiebt, dann muss man sich an ihm reiben, aber man muss das nicht gut finden. Und er wird die falschen Debatten anstoßen. ERGÄNZUNG: Und die Aussagen in diesem Ausschnitt “Joachim Gauck wird glaubwürdig…” dürfte bei der aktuellen Debatte doch auch schon wieder Makulatur sein.

Aber zum Glück kommt von unten (und auch von oben) eine Gegenbewegung: Ströbele (FR + BZ – er liegt mit seiner Einstellung zu Gauck ziemlich auf meiner Wellenlänge),  Kilic, Grüne Jugend, u.v.m. Schorlemmer (Bürgerrechtler und SPDler) … Bei einer Facebookumfrage von “Grüne Presse” (also tendentiell machen da eher grüne mit) ob man für Gauck stimmen würde, ist es ein Kopf-an-Kopf-rennen von Befürwortern und Kritikern.

Ich höre auch oft solche Kommentare wie “Vertrauensvorschuss”, “muss man mit ihm nach seiner Wahl diskutieren”, … WIESO? Ich muss mir doch VOR einer Wahl Gedanken machen, wen ich wähle.

Fazit: Ob jeder einzelne Vorwurf “nur” unklar ausgedrückt war oder nicht ist für mich nicht relevant. Ich habe mir ein Bild von Gauck gemacht, das mir klar zeigt, dass er nicht “grün” ist, daher ist er für mich nicht wählbar.

Zum Schluß noch ein schönes Photo (von Klaus Stuttmann), dass zur Zeit über Facebook geht:

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