Diese Woche wurde Frau Kraft zur Minderheits-Regierungs-Ministerpräsidenting gewählt. Herzlichen Glückwunsch (und ich fürchte, diese Minderheitsregierung braucht viel Glück und viel Kraft)
Worüber sich die neue Opposition, also vor allem CDU/FDP aufregen, ist (so wie ich es über die Medien vernommen habe) die “Einheitsschule”.
Ehrlich gesagt bin ich ein riesen Fan, einer Einheitsschule.
Einheitsschule, gemeinsamme Schule, Gesamtschule …. wie auch immer man es nennen mag, es ist grundsätzlich etwas gutes.
Ich bin durchaus ein Fan von Fordern und Fördern. Jedes Kind soll eine (auf das Kind abgestimmte) optimale Förderung für das spätere Leben und Berufsleben erhalten. Um es mal ganz verkürzt zu sagen, sind daraus die Gymnasien für Akademiker, die Realschulen und die Hauptschulen für Ausbildungsberufe entstanden. Grundsätzlich ist es richtig, dass jemand, der Mathematik oder Philosophie studieren will, eine etwas andere Schulausbildung brauchen kann, als jemand der Maurer werden will. Dummerweise ist das heutige Schulsystem jedoch nicht effektiv. Warum:
- Im groben wird genau das gleiche Unterrichtet: Englisch, Deutsch, Mathe, Bio, Erdkunde, Musik, Kunst, Religion, … aber auch Fächer mit “handwerklichem Hintergrund” (Gestalten etc.) finden sich an allen Schulformen.
- Nicht jedes Kind weiß mit 10 Jahren, wie der spätere Beruf aussehen soll. Vielleicht entscheidet man sich ja doch noch um von Maurer auf Philosoph… oder umgekehrt.
- Keiner weiß, wie sich die schulischen Leistungen eines Kindes entwickeln.
- Und nun zum Hauptpunkt: Kaum jemand ist in allen Bereichen nur “gut” oder nur “schlecht”
Daher plädiere ich für eine große Schule und für Lehrpläne, die folgendes ermöglichen:
- Möglichst lange mit dem gleichen Freundeskreis in möglichst vielen Fächern zusammen bleiben.
- Differenzierungsmöglichkeiten in einigen Fächern, sowohl was die Fachauswahl als auch was das Leistungsniveau angeht. Je älter die Schüler werden, desto mehr Wahl- und Differenzierungsmöglichkeiten. Also man hat zum Beispiel 20 Kinder in der Klasse 1f. Diese haben erstmal alle Fächer zusammen. Dann kommen Bonusfächer dazu, wo eine Auswahl besteht (z.B. Sport, Gartenbau, … oder auch Sprachen) . Irgendwann wird in einzelnen Fächern differenziert zwischen “Grundwissen” und “Erweiterungswissen” (z.B. in Mathe und Deutsch).
Deswegen eignet sich auch eine Einheitsschule, weil je größer die Schule ist, desto besser kann man auch “exotische” Angebote bereitstellen, weil je mehr Schüler da sind, desto eher findet sich die erforderliche Mindestanzahl. - Verschiedene Abschlüsse: Im Grunde finde ich es gut, dass man an verschiedenen Stellen aus der Schule “aussteigen” und in den Beruf “einsteigen” kann. Dies kann auch auf einer “Einheitsschule” erfolgen. Es gibt dann halt für jeden Abschluss Kriterien, die erfüllt sein müssen. z.B. Realschulabschluss: erfolgreich das 10. Schuljahr absolviert, dabei mindestens die Fächer x, y, z belegt, mindestens 2 davon mit Erweiterungswissen und eine Gesamtdurchschnittsnote von mindestens 4,0 …
Ein beliebtes Argument dagegen ist die “Gleichmacherei” … aber was steckt dahinter. Es ist für mich völlig klar, dass jedes Kind andere Interessen hat. Und andere Ziele im Leben. Und das ist ja auch gut so (solange die Ziele und Interessen akzeptabel sind). Was ich mir für die “Einheitsschule” wünsche ist, dass zwar alle Kinder eines Gebietes auf eine Schule gehen, aber dass diesen dort ein sehr breites Spektrum geboten wird. Keine Gleichmacherei, sondern das Gegenteil. Natürlich sind gewisse Mindeststandards für alle gleich. (Rechnen, schreiben, lesen, aber auch Grundkenntnisse der Biologie und auch von Kunst, Musik, Religion, Erdkunde, Geschichte usw… sind notwendig) Aber über diese Mindeststandards hinaus, sollte es doch möglichst viel Flexibilität geben. Und je mehr Schüler in einer Schule sind, desto breiter lässt sich das Spektrum gestalten.
Und macht nicht die heutige Schulform eine Gleichmacherei in 3 Schubladen? Der Gymnasiast muss mit allem zurechtkommen, ob Latein oder Zinseszinsrechnung, während dem Hauptschüler leider doch irgendwie ein schlechter Ruf vorauseilt. Jetzt nehmen wir mal an, ein Schüler geht heute auf die Hauptschule, weil in der Grundschule haben ihm Mathe und Deutsch nicht so gelegen, aber er interessiert sich wahnsinnig für Englisch… glaubt jemand, dass der auf der heutigen Hauptschule damit gefördert wird? Nein, er kommt in eine Klasse, in der schon die Lehrerin demotiviert ist, weil sie die Schüler für “nicht begabt” hält. Und wahrscheinlich wird auch die Mehrheit in dieser Klasse tatsächlich keine enge Bindung zur englischen Sprache finden.
Was ich bei der Differenzierung auch noch ganz wichtig finde: Man sollte irgendwann Anfangen (so wie es heute zum Teil schon die Berufs-Schulen machen, aber vielleicht früher?) den Unterricht für verschiedene Berufssparten auszulegen.
Englisch für Handwerker, Englisch für Geschäftsleute, Englisch für Wissenschaftler, … (und das gleiche mit Mathe und Deutsch) … das problem ist nämlich ganz oft nicht, dass die Schüler dumm sind, sondern einfach keinen Bock haben etwas zu lernen, bei dem sie nicht verstehen, wofür sie das später mal brauchen sollen.
Vor einiger Zeit ist mal eine Diskussion um ein “Mädchen/Jungen”-Buch im Internet rumgegeistert (z.B. auch WDR, wer weiter sucht, findet bestimmt viel mehr). Die Hauptkritik die ich vernommen habe war: Da werden Leute in Schubladen gesteckt… und die Kritik stimmt ja schon, Mädchen und Jungs sind nicht so verschieden, wie sie oft dargestellt werden. Aber angepasste Bücher, in denen der Hauptcharacter “wählbar” ist, könnte ich mir schon vorstellen. Im Grundschulalter können das auch “Tiere” sein, Phantasiegestalten etc. und später, gerade wenn man E-learning dazu nimmt, kann das ziemlich gut auf das Schülerprofil abgestimmt sein. Aber man kann auch Schulbücher machen, die halt für gewisse, grobe Richtungen bestimmt sind und dann Themen stärker behandeln, die für dieser Richtung relevant sind.
Fazit: Eine gute Einheitsschule, so wie ich sie mir vorstelle, geht auf die Bedürfnisse der Kinder ein, bietet ganz viel Freiraum und natürlich auch Mindeststandards. In solch einer Schule macht das Lernen Spaß und bereitet den Schüler gleichzeitig auf das Leben und den Beruf vor. Eine Schule mit vielen Wahlmöglichkeiten und Differenzierungsmöglichkeiten ist aber nur möglich, wenn dort die gesamte Breite angeboten wird. Und diese wird halt nur erreicht, wenn alle auf die Schule gehen.

