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14Jun

EM und Patriotismus

Die Debatte kommt wieder auf. Brauchen wir einen Patriotismus? Oder ist ein Patriotismus vielleicht sogar schädlich?

Ich sehe es nicht ganz so krass wie einige Gliederungen der GJ, z.B. Berlin oder RLP, bei denen ja eine Gleichsetzung von Patriotismus und Nationalismus direkt oder indirekt vorgenommen wird. Trotzdem kann ich diesen zustimmen, dass wir mit dem Party-Patriotismus sehr vorsichtig umgehen müssen. Denn ich sehe zwei Gruppen (ganz grob) unter den Fußballfans.

  1. Auf der einen Seite die Leute, die garantiert nicht nationalistisch oder rassistisch sind, aber “die Mannschaft” unterstützen/bejubeln wollen.
  2. Auf der anderen Seite rechte Idioten, die alles national wollen.

Und dazwischen ein breites Spektrum…

Ziel muss es sein, denen, die friedlich und weltoffen sind eine vernünftige Basis zu bieten Fußball zu schauen und gleichzeitig den Idioten jegliche Basis zu entziehen.

Was ist überhaupt Patriotismus?

Als Zitat habe ich jetzt auch schon gesehen: “Patriotismus ist Liebe zu den Seinen – Nationalismus ist Haß auf die anderen” (Richard von Weizsäcker); andere sehen dieses Zitat bei Johannes Rau.

Da stellt sich mir dann aber immer die Frage:

Was macht einen Deutschen zu den “Meinen”? Was liebt man an Deutschland?  Selbst wenige Häuser weiter kann jemand wohnen, den ich garantiert nicht liebe, weil er mir total unsympathisch ist. Keinem aus der Nationalmannschaft habe ich jemals die Hand geschüttelt. Also von LIEBE kann da bei mir nicht die Rede sein. Und trotzdem schaue ich gerne Fußball. Es ist spannend, gerade wenn man für eine der Mannschaften ist. Und ich bin meistens für die Mannschaft, über die ich am meisten erfahre und Hintergrundinfos habe. Also bei mir tatsächlich das DFB-Team. Aber andere Mannschaften mag ich auch.

Aber wenn sich jetzt viele als Patrioten bezeichnen, was lieben sie dann an Deutschland? Wie weit geht die Liebe? Geht die Liebe überhaupt über den Fußball hinaus? Und was genau liebt man? Die Menschen? Die Kultur? Die Landschaft?
Wie viele wären bereit, sich ehrenamtlich für ihr Dorf zu engagieren? Wer zahlt gerne Steuern für unser tolles Deutschland? …

Auf was ist man stolz, wenn man auf Deutschland stolz ist? Persönlichkeiten? Demokratie? Oder doch nur Fußball? Oder auf die eigene Leistung? Aber was hat die mit Deutschland zu tun?

Und gibt es diese Sachen, die man liebt und auf die man stolz ist, nur in Deutschland? Sind das tatsächlich deutsche Attribute? Oder gibt es die Sachen 50 km weiter im Ausland (je nachdem wo man wohnt in Frankreich, Dänemark, Polen, Tschechien, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Schweiz) auch? Dort vielleicht sogar noch mehr als im 500 km entfernten deutschen Ort. Oder mal plakativ formuliert: Hat ein Alpenort nicht mehr mit Österreich gemeinsam als mit Hamburg? Und hat ein Ostseeort nicht mehr mit Dänemark gemeinsam als mit München? Oder der Ort in Chemnitz mit Polen mehr gemeinsam als mit dem Ruhrgebiet?

Und wenn ich so nachdenke, komme ich meistens zu dem Ergebnis, dass ich als politisch engagierter Mensch, der auch das eine oder andere in diversen Vereinen mal ehrenamtlich macht, mich wahrscheinlich viel patriotistischer verhalte als der durchschnittliche Fahnenschwenker, der dann, nach dem 3 Bier die Flasche irgendwo zertrümmert, sie nicht selber wegräumt und damit seine schöne Heimat verdreckt.
Und dann am Monatsende schimpfen wieder viele, dass wieder so viel Steuern vom Gehalt abgezogen werden, und dieser sch… Staat einen in Ruhe lassen soll.
Ist das nicht widersprüchlich, wenn man das Land liebt?

Aber ich sehe mich nicht als “deutscher Patriot”, ich bin einfach jemand, dem sein Umfeld wichtig ist, und das ich mit gestalten möchte. Wenn ich jetzt aus irgendeinem Grund ins Ausland gehen würde, würde ich mich dort genau so verhalten. Ich würde wieder meine direkte Umgebung (im großen wie im kleinen) an vielen Ecken und Enden verbessern und mitgestalten wollen.

Verhalten von (zu) Vielen beim Fußball

Aber zurück zu den Fahnenschwenkern und dem Weizäcker-Zitat.

Wenn alle nur die Nationalmannschaft unterstützen wollen würden und den “Spiel-Gegner” mit absolutem Respekt behandeln würden, hätte ich damit auch kein Problem. Dann wäre die Fahne tatsächlich primär ein Symbol des Fußballfans. Es wird in der Realität leider sehr schnell politisch und der Respekt lässt sehr häufig zu wünschen übrig. Beispiele die ich persönlich miterlebt habe:

  • 2006 haben wir vom AsTA der Uni Ulm zum Spiel Deutschland gegen Argentinien das Spiel im Hörsaal gezeigt und beide Flaggen auf Papier (ca. DIN A0) gezeichnet und vorne hingehängt. Während dem Spiel wurde die Argentinien-Flagge von einem zerrissen unter dem zustimmenden Gejohle von vielen. “Gegenstimmen” waren keine zu vernehmen und mein Versuch das zu stoppen wurde von niemandem unterstützt.
  • Pfiffe bei der anderen Nationalhymne
  • Sprüche der Art: “Ihr seid nur ein Pizza-Lieferant”
  • “Deutschland-Deutschland über alles” –  Rufe – vor 2 Jahren passiert, da gab es aber zum Glück ein breites Gegenecho, dass sowas nicht gewünscht sei.
  • Blöde Sprüche gegen unseren Lieblings-Ciabatta-Italiener nach dem Sieg der Italiener im 2012er-Halbfinale

Diese ganze Stimmung, die diverse “Gefühle beinhaltet”, wie z.B.: Deutschland, anderes Land, besiegen, Glücksgefühle, Wir-Gefühle, …. Diese Stimmung führt dann eben leider nicht selten dazu, dass es ein “wir lieben die Unseren” in ein “wir machen die anderen schlecht” umschlägt. Und das passiert leider bei breiten Massen. Oft gar nicht gewollt oder bewusst, aber obige Beispiele zeigen, dass Viele in sochen Stimmungen auch mal bereit ist, bei Sachen mitzumachen, die mit Respekt garantiert nichts mehr zu tun haben.

Ich bin mir sicher, dass es nicht alle sind, aber leider hat meine Erfahrung gezeigt, dass es zu viele sind und man diesen daher auch öfter mal ein Kontra geben muss. Von der Schätzung würde ich sagen, machen ca. 50% mit und halten das für harmlose Sprüche. Aber leider fallen diese auch auf und prägen das Bild. Und ich halte das für sehr respektlos und will sowas nicht erleben müssen.

Selbst große Medien sehen gewisse “Risiken” beim Partyotismus. z.B. ARD/Sportschau -Partyotismus – Zwischen Willkommenskultur und Gewalt oder die Süddeutsche Nachtrag: BZ
Nachtrag: Noch klarer der Beitrag vom Volksverpetzer

Verhalten von Wenigen nach dem Fußball

Dann gibt es eine kleine Minderheit von Idioten, bei der das in noch krassere Taten umschlägt. Wie weit diese von solchen Stimmungen beeinflusst werden, vermag ich nicht zu sagen, aber ich fürchte, dass dies als ein Aspekt der Ermunterung von diesen Idioten aufgenommen wird. Aber was passiert ist schon krass. Hier mal 2 Beispiele:

Lösungsansatz für das Problem

Ein Ansatz könnte es sein, dass wir viel stärker zwischen “unserer Mannschaft” und Deutschland differenzieren. Wenn Özil ein Tor schießt oder Neuer ein Gegentor verhindert, hat dies wenig mit Deutschland an sich zu tun, außer dass diese eben einen deutschen Pass haben. Genau so wenig übrigens, wie wenn einzelne Idioten mit deutschem Pass bei Schlägereien dabei sind. Das eine sind erst mal gute Fußballer, das andere sind erst mal Idioten, und beide sind nur zufällig deutsch (oder aus einem anderen Land).

Solch eine Differenzierung passiert in anderen Ländern auch. Dort werden die “three lions”(England), “Équipe Tricolore“(Frankreich) … angefeuert. Natürlich wird das jeweils als die Mannschaft des jeweiligen Landes wahrgenommen.

Mit der Namensgebung hat der DFB etwas in die Richtung probiert, allerdings eigent sich der Name nicht so richtig zum anfeuern. “Mannschaft, Mannschaft …. tralalalalaaaa” passt irgendwie nicht. Da müssen wir uns noch was Gutes überlegen.

Aber wenn man nicht nur von den Begriffen, auch von den Symbolen eine Stufe mehr Richtung Fußball geht, wäre das sicherlich ein Ansatz. Trikot ist schon mal ein Symbol, dass wenig mit Deutschland zu tun hat und viel mit der Mannschaft. Die Grüne Jugend hat ja bereits die DFB-Flagge vorgeschlagen.

Auf der anderen Seite muss man aber ganz klare Kante zeigen gegen die, die über Anfeuerungsrufe hinaus sich daneben benehmen. Insbesonders wenn es strafrechtlich relevant wird (z.B. Hitlergruß, Nazisymbole …). Bei Public Viewings würde ich mir wünschen, dass die rausgeschmissen und auch gleich angezeigt werden. Auch wenn ich selber kein Fan des “unverkrampften Patriotismus” bin, wenn man den will, dann geht es nur, wenn man sich gleichzeitig ganz massiv von den Leuten mit rechtem Gedankengut distanziert.

Fazit

Von daher komme ich zu dem Schluss: Ein rein fußballerisches anfeuern ist erst mal kein Fehler. Allerdings sollte man sich, bevor man sich als Patriot bezeichnet, ganz genau überlegen, was Patriotismus für einen bedeutet. In wiefern mag man Deutschland? Was ist an Deutschland so besonderes? Was bedeuten meine Symbole für mich? Wie viel Respekt zeige ich dem Gegner tatsächlich? Was bedeuten meine Symbole für andere? Zu was ermutige ich andere?

Und wenn ich die Fragen so durchgehe, dann komme ich für mich zu dem Schluss, dass ich mir zwar die Spiele gerne mit Freunden anschaue, aber ich weder stolz auf das Ergebnis sein muss, weil ICH nichts dazu beigetragen habe, noch dass dies jetzt eine gesamtdeutsche Leistung ist. Weil es eben aber einige gibt, die aus diesen Siegen ableiten, dass Deutschland insgesamt irgendwie besser sei oder die anderen Länder insgesamt schlechter, bin ich mit dem ganzen Patriotismus-Modell sehr vorsichtig.

Ich mag meine Umgebung und mein Umfeld. Ich lebe auch gerne in einem Staat mit m.E. guter Demokratie, Bildung, Rechtsstaatlichkeit, … deswegen lebe ich gerne hier, aber würde das auch in  vielen anderen Ländern so sehen.

Insgesamt habe ich somit kein Problem mit dem Anfeuern von der deutschen Nationalmannschaft, von Flaggen bin ich zwar kein Fan, solange es jemand macht, der dies rein auf Fußball bezogen sieht, finde ich nicht, dass man dem dann irgendeinen Nationalismus vorwerfen kann. Und auch nicht, wenn er damit symbolisieren will, dass er gerne hier in diesem Land lebt.
Aber wenn jemand daraus abstruse Schlüsse zieht oder sich feindlich oder respektlos gegenüber anderen Ländern oder den Menschen von dort verhält, dann ist für mich eine Grenze überschritten, bei der man es nicht mehr einfach tolerieren kann. Und leider ist dies viel zu häufig der Fall. Deswegen ist es gut, dass eine Debatte über diese Fahnenmeere angestoßen wurde und wo wir die Grenze sehen und wie weit es gehen darf.

Verfasst am 14.06.2016 um 0:32 Uhr von mit den Stichworten , , , .
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