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24Jun

Erlanger Nachrichten interviewen mich zum Thema “Flaggen runter”

Nachdem ich vor kurzem schon meine Meinung zu dem Thema Flaggen während der EM hier im Blog losgeworden bin, wurde ich letzten Freitag von den Erlanger Nachrichten interviewed. Es gab eine Einleitung, 3 Fragen, und insgesamt durfte der Artikel 2270 Zeichen haben. Da blieb nicht viel Platz für differenzierte Antworten. Ich hätte 3x so viel schreiben wollen. Daher hier ein paar Erläuterungen extra (die sich teilweise mit dem anderen Artikel überschneiden). Eingerückte Passagen zitieren die Texte, die so freigegeben und auch abgedruckt wurden (Fett = Text der Presse, danach meine Antwort) Zusätzlich Ergänzungen und Erläuterungen sind dann nicht mehr eingerückt.

Einen regelrechten Proteststurm hat die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz mit ihrer Aktion „Fußballfans Fahnen runter!“ ausgelöst. Über den Appell, während der Fußball-EM keine Deutschland-Flaggen in der Öffentlichkeit zu zeigen, schüttelten sogar die Parteifreunde in Berlin die Köpfe. Doch wie denken die Grünen hier in Erlangen darüber? Wir sprachen mit Christian Sauter, Erlanger Mitglied im erweiterten Bezirksvorstand der Grünen Mittelfranken.

Herr Sauter, was halten die Erlanger Grünen von der Initiative ihrer Parteifreunde aus Rheinland-Pfalz?

Christian Sauter: Es war falsch zu suggerieren, dass jeder Fußballfan mit Flagge nationalistisch sei.
Richtig war aber die diversen Debatten anzustoßen: Für was steht die Flagge: Fußball, humanitäre Werte oder Abgrenzung? Wer deutet was in die Flaggenmeere hinein bzw. wie sehr profitieren Rechte davon? Was versteht der Einzelne unter Patriotismus? Ist Nationalstolz angebracht und wenn ja, auf was genau sind wir stolz?

Wichtig ist dies nun gesellschaftlich zu diskutieren und sich dabei klar von rechten und menschenverachtenden Gruppen und Meinungen zu distanzieren.

Wie schon im anderen Artikel erwähnt, halte ich persönlich das Konstrukt des Patriotismus für sehr schwierig: Obwohl der Begriff häufig benutzt wird und inzwischen von vielen schon als Normalität angesehen wird, dass man, gerade während einer EM, patriotisch ist und dies auch zeigt, glaube ich nicht, dass die meisten damit irgendetwas konkretes und inhaltliches verbinden – außer Fußball.

Zusätzlich kommt aber noch eine ganz andere Frage hinzu: Welche Nebenwirkungen gibt es? Ich unterstelle (im positiven Sinne) immer erst mal jedem, dass er eigentlich nationalistische Ideen ablehnt und auch mit der Deutschlandflagge keine rechten Intentionen verfolgt. Bei einem Bruchteil habe ich da ganz sicher unrecht, aber ich glaube und hoffe, dass diese “Unterstellung” bei vielen tatsächlich zutrifft. Aber als Nebenwirkung erhält man eben auch eine Unterstützung der rechten Strömungen (siehe auch den Artikel in der Süddeutschen: ‘Per se harmlos ist das jedoch nicht. “Die nehmen einen Trend mit, der auch von außen durch verharmlosende politische Äußerungen weiter gefördert wird”, sagt Wagner. ‘) . Die blasen ihre Propaganda und Unterstellungen dann noch ungenierter raus. Und sind noch radikaler und gewalttätiger. Aktuelle Studien deuten zumindest darauf hin.

Und gerade weil Fußball damit verbunden wird, kommt dann noch eine ganz andere Frage auf: Wenn wir das Zitat nehmen, dass “Patriotismus ist Liebe zu den Seinen – Nationalismus ist Haß auf die anderen”, warum schwenken wir genau dann die Fahnen, wenn es um das Besiegen von anderen geht. Und warum fahren wir nicht mit wehenden Fahnen zum Finanzamt, wenn es um die Steuererklärung geht, immerhin leistet man damit ja seinem geliebten Land durch die Steuerzahlungen etwas Gutes? Oder geht es doch um Abgrenzung? Um eine “Vormachtstellung” der eigenen Nation? Die Süddeutsche dazu: ‘neigt man dazu, auch die Gruppe, der man angehört, positiv von anderen Gruppen abzusetzen.’ und ‘”Eine zu starke Identifikation mit dem eigenen Land birgt die Gefahr, dass sie in Nationalismus umschlägt”, so Wagner. “Und das kann zur Ausgrenzung jener führen, die man selbst als nicht dazugehörig wahrnimmt.” Je schärfer die Grenzen gezogen werden, und umso weniger kritische Positionen innerhalb der Gruppe existieren, desto größer ist die Gefahr.’

Diese Gefahr wird gerade auch mit den folgenden Generationen größer. Bekommen wirklich alle Kinder mit, dass die Polen, Franzosen und Russen unsere Freunde sind (trotz z.T. vorhandener politischer Differenzen). Oder bekommen viele Leute und Kinder mit, dass es toll ist, die anderen zu besiegen?

Also muss man auch an dieser Stelle ganz klar sagen: Nicht jeder Fußballfan mit Fahne ist ein Nationalist, aber damit das nicht immer stärker umschwenkt, braucht man einen krititschen Umgang damit. Und selbst wenn man beim Fußball mal 90 Minuten gegeneinander spielt, muss danach die Freundschaft wieder betont werden. Daher finde ich die Eröffnung der Debatte durch die Grüne Jugend Berlin und RLP insgesamt richtig und gut.

Können Sie die Heftigkeit, mit der die Initiatoren der Aktion „Fußballfans Fahnen runter!“ angegangen wurden, nachvollziehen? Immerhin gab es ja sogar Morddrohungen.

Christian Sauter: Ganz klares Nein! Eine sachliche Debatte ist sinnvoll, aggressives Verhalten ist unakzeptabel. Allerdings zeigen die Morddrohungen genau das Problem: Es gibt Leute, die nicht akzeptieren, wenn andere nicht deutsch genug sind.

Bei der EM dahoam 1974, hat nicht ein einziger Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Hymne mitgesungen. Heute hagelt es Kritik, wenn einer der Spieler nicht mitsingt. Wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Betrachtungsweise?

Christian Sauter: Die aktuelle Mitte-Studie der Uni Leipzig zeigt, dass gerade rechts-denkende Personen sich immer radikaler und gewalttätiger äußern. Von daher nehmen wir solche Äußerungen  immer stärker wahr. Ich hoffe, dass sich die allermeisten Fans, genau wie bei der „Nachbar-Debatte“ um Boateng, von solcher rechten Propaganda deutlich distanzieren und einfach alle Spieler vom Torwart Neuer bis zum Torschützen Mustafi gleichermaßen feiern – egal ob sie singen oder nicht.

Mit dieser Frage habe ich mich am schwersten getan.

Einerseits wäre da natürlich der ganz andere zeitliche Abstand zum Naziregime naheliegend gewesen. Aber wenn eine Zurückhaltung damals angebracht war, warum dann heute nicht mehr? Was hat sich geändert? Eigentlich ist es doch heute fast schlimmer als 1974. Heute haben wir in diversen Landesparlamenten wieder rechte Parteien sitzen. Das wir komplett aus nationalistischen Strömungen rausgewachsen sind trifft also nicht zu.

Das nächste Problem ist, dass diese Vorwürfe tatsächlich häufiger zu hören sind und daher mein Aufruf in der Zeitung, dass möglichst viele sich von so einem Mist distanzieren. Auch hier gilt wieder der Ansatz von oben: Wenn niemand kritisch warnt, dann gibt es viele Mitläufer, die es als normal emfpinden, die Nichts-Sänger zu kritisieren. Da etwas Bewusstsein zu verbreiten ist daher absolut sinnvoll.

Daher komme ich zu dem Schluss, dass es in doppelter Hinsicht abstrus ist, jemandem vorzuwerfen, nicht mitzusingen:

  1. Wie sehr man sich mit seinem Land, der Flagge und der Nationalhymne identifiziert ist jedem selber überlassen. Da einen Zwang aufzubauen ist einfach nur nationalistisch.
  2. Gerade die deutsche Fußball-Mannschaft hat insgesamt den Fußballfans sehr viel “Freude” bereitet. Sie haben also sehr viel für Deutschland getan. Viel mehr als so mancher Fan der sich danebenbenimmt (nicht alle, das soll keine Verallgemeinerung sein!).

 

Und mein Fazit: Jeder sollte mal über folgende 2 Aspekte nachdenken:

  1. Grenze ich selber durch mein Verhalten jemand aus oder mache andere “nieder” (inklusive Gesänge, Sprechchöre, Sprüche)
  2. Gibt es in meinem Umfeld welche, die solches Verhalten an den Tag legen und sich durch meine Symbole bestärkt fühlen könnten.

Wenn beide Fragen ehrlich und überzeugend mit NEIN beantwortet werden, dann wünsche ich frohes Fußballfeiern. Wenn die erste Frage mit JA beantwortet wurde, dann sollte man mal über eine Verhaltensänderung nachdenken und falls die zweite Frage mit JA beantwortet wurde wünsche ich mir viel Zivilcourage, dass da jeder auch mal ein Contra gibt. Ein “Hey, wir wollen hier friedlich Fußball feiern und nicht so nationalistischen Kram hören” lässt oft schon einen Großteil verstummen bzw. regt zum Nachdenken an.

Verfasst am 24.06.2016 um 22:26 Uhr von .
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Kommentare

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Trackbacks/Pingbacks

  1. […] ein kleiner Nachtrag zu den vorigen beiden Beiträgen zu Patriotismus und Flaggen. […]

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