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Politik » Patriotismus
08Jul

Patriotismus

Hallo,

ein kleiner Nachtrag zu den vorigen beiden Beiträgen zu Patriotismus und Flaggen.

Julia schreibt einen Bericht auf Facebook: (Vollzitat)

Ich bin grad immernoch fassungslos und mir fehlen die Worte. Und das nicht, weil ein deutsches Fussballteam verloren hat….
Aber von vorne: Einige Freunde und ich wollten heute Abend gemütlich Fussball zusammen gucken und gingen dafür in die Kölner Innenstadt. Wohlgemerkt: Unter diesen Freunden waren zwei Fransösinnen, die natürlich gerne ihr Team anfeuern wollten. Wir saßen also in einem Restaurant und bis zum 0:0 war alles gut. Als dann das 1:0 geschossen wurde und sich diese Freundinnen darüber freuten, kamen die ersten Beleidigungen. Man solle sich doch besser “verpissen” und “die Fresse halten”. Im Verlauf des Spiels wurde dann beim 2:0 für Frankreich klar, dass Deutschland wohl nicht ins EM-Finale kommen würde. Allerdings scheinen einige Menschen dies als Anlass zu nehmen, ihrem “unverkrampften” Patriotismus freien Lauf zu lassen und meine Freundinnen (die sich mittlerweile mit kurzen und spontanen “Juhu”-Rufen begnügten) zu beleidigen mit Rufen wie “Was habt ihr hier verloren?”, “Ihr habt hier nichts zu suchen!” und “Verpisst euch aus ‘unserem’ Deutschland!”. Darauf “wagte” ich es zu erwähnen, dass diese Leute ebenfalls die Klappe halten sollten und ihren “unverkrampften” Patriotismus mal abschalten sollten. Da das Spiel noch zugange war, wurden wir also nun erstmal in Ruhe gelassen. Nach Ende des Spiels schienen diese Menschen ihre Aggressionen aber an irgendjemandem auslassen zu wollen: Meine Freundinnen wurden massiv beleidigt. So einen wunderbar “unverkrampften” Patriotismus wollte ich so nicht stehen lassen. Es hat mich in dem Moment zutiefst geschockt, dass völlig Unbekannte in einer Bar auf uns losgehen. Es brach eine lautstarke Auseinandersetzung aus, während dessen eine junge Frau sich berufen fühlte, auf mich loszugehen und u.a. ein Glas Wasser nach mir zu werfen. (An dieser Stelle möchte ich sagen: es gab einige andere Menschen, die eingeschritten sind und die Freundinnen von mir verteidigt haben, auch wenn es leider zu viele gab, die nichts gesagt haben.) Die Gruppe verließ dann nach verschiedenen Aufforderungen das Restaurant. Die eine meiner Freundinnen war mittlerweile in Tränen ausgebrochen, wir alle waren völlig fassungslos, wieviel Hass uns wegen einem Fussballspiel entgegen geschlagen war. Einige Menschen kamen noch zu uns und sagten uns, dass nicht alle Deutschen so sind und wir die Sache vergessen sollen. Andere wiederum fingen an, uns (mittlerweile fühlte ich mich schon fast “französisch”) zu beleidigen, wieso wir überhaupt hier in Deutschland wären, wenn wir Franzosen sind, dass wir uns (mal wieder) verpissen sollten und dass wir hier in Deutschland gefälligst traurig zu sein hätten, wenn “Deutschland” (ja, mir ist bewusst, dass es ein Fussballteam ist, einigen anderen Menschen aber eher weniger) verliert. Wir gingen also, auch weil wir uns nicht weiter in Gefahr bringen wollten….

Ich bin geschockt, fassungslos und traurig, dass dies den Freundinnen von mir und uns passieren musste – dass sowas überhaupt jemandem passiert. Das Traurige ist, dass die Freundinnen von mir sich am Ende die ganze Zeit bei mir entschuldigt haben, dass sie mir durch ihr Anfeuern vom französischen Team den Abend verdorben hätten… Ihr Lieben, das habt ihr nicht! Das haben Menschen gemacht, die keine Ahnung haben was Toleranz und gegenseitiger Respekt bedeuten.

In den letzten Wochen gab es immer wieder Diskussionen über das Thema Patriotismus, und es wurde immer wieder gesagt, dass wir in Deutschland doch so einen unverkrampften Patriotismus leben. Nun, unverkrampft ist wohl das Wort, was ich am wenigsten für den heutigen Abend nutzen würde.

Leider zeigen solche Berichte, dass sich meine Befürchtungen bewahrheiten. Schaut mal an, wie die Isländer oder Iren ihre Niederlagen feiern und danach singend mit anderen Fans durch die Stadt laufen. Die haben verstanden, dass Fußball eine Plattform ist, um Party zu machen. Solche Fans mag ich (und viele Deutschen Fans haben es auch verstanden).

In Deutschland ist aber der Deppen-Anteil leider so hoch, dass man eben aufpassen muss, ob man durch das Feiern mit der eigenen Manschaft die Deppen glauben lässt, dass alle glauben, dass Deutschland etwas besseres sei.

Diese Deppen kapieren nicht, dass es nicht primär gegen die anderen sondern um den Spaß geht. Fußball ist ein tolles Hobby, solange man sich daran erfreut und mit anderen Menschen positiven Kontakt hat. Die Deppen-Fans machen alles kaputt.

 

 

Verfasst am 08.07.2016 um 23:41 Uhr von .
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